Nein, nein. Nachdem das Modell vollendet war und vor mir auf dem Tisch stand, kam mir eben dieser Begriff zuerst in den Sinn. Deshalb heißt dieses, eher nach einer Fantasie-Blüte aussehende Modell jetzt Fleur de lis.
Entstanden ist das Ganze während mehrerer stundenlanger Zugfahrten. Ich wollte mal eine besondere Blüte falten. Sie sollte rund aussehen, wirklich rund. Und sie sollte voluminös wirken.
Dazu habe ich bewusst versucht, bereits in die Grundform Kurven hinein zu falten und daraus eine dreidimensionale Blüte zu formen. Nun, da das Ergebnis vorliegt, lohnt ein Blick zurück auf die Grundstruktur.
Das Modell baut auf der Vogel-Grundform auf. Diese Grundform hat ja bereits vier große Klappen, die man sehr gut als Blütenblätter verwenden kann.
Aber der Kelch ist sehr klein und überhaupt nicht rund und voluminös. Der nächste Schritt in Richtung Blüte ergibt eine Iris.
Bei der Iris stören jedoch die nach außen stehenden Klappen. Nach einigen Vorfaltungen sind diese im Modell verschwunden und eine Art bereinigte Iris ist entstanden.
Das ist schon recht voluminös. Jetzt kann man versuchen, den Kelch rund auszuformen. Dazu muss man die innen liegenden Klappen wieder leicht nach außen drücken.
Es ist jedoch fast unmöglich, diesen Schritt auf allen vier Seiten so gleichmäßig zu machen, dass das Modell wirklich schön rund erscheint. Und bei jeder Berührung des Kelchs wird das Papier sofort wieder nach innen gedrückt - die Falten aus den vorhergehenden Schritten zerstören die Spannung des Papiers in diesem Bereich. Wenn diese Falten nicht wären...
Deshalb wird ein Teil der Vogel-Grundform auf dem offenen Blatt vorgefaltet. Dabei wird darauf geachtet, dass der innere Bereich des Papiers bis auf die großen Diagonalen frei bleibt von Falten. Einige zusätzliche Vorfaltungen erleichtern die nächsten Schritte.
Jetzt werden die Kurven gefaltet. Jede der acht zu faltendenen Kurven verläuft vom Mittelpunkt hin zu einem der vorgefalteten Knicke am Rande des Papiers. Dabei soll die Kurve glatt in die große Diagonale und den jeweiligen Knick übergehen. Um das zu erreichen, werden während des Faltens sowohl die Diagonale als auch der jeweilige Knick zwischen Daumen und Zeigefinger beider Hände festgehalten. So fixiert, wird das Papier gebogen, bis die Diagonale und der Knick parallel zueinander in einer Ebene zu liegen kommen.
Ob die Kurve glatt ausläuft, kann leicht visuell geprüft werden.
Es kommt nicht darauf an, die Kurven-Falten besonders scharf zu falten. Auch kann die Krümmung von Modell zu Modell variieren. Wichtig ist lediglich, dass die Krümmung der Kurven innerhalb eines Modells einigermaßen gleichmäßig ist.
Nachdem das Papier vorgefaltet worden ist, kann jetzt die Blüte erstellt werden. Jeweils zwei Blütenblätter werden zusammen geschoben und das Papier in das Modell hinein gefaltet. Dabei entsteht zwischen den jeweiligen Kurven-Falten eine nach innen gekrümmte Fläche.
Sind erst einmal alle vier Blütenblätter nach oben gebracht, halten die nach innen gefalteten Lagen das Modell von selbst in Form.
Der Kelch ist jetzt schön rund und voluminös. Im Vergleich dazu sehen die Blütenblätter aber noch recht flach und geradlinig aus. Das lässt sich leicht ändern, indem die Kanten mit weiteren Kurven-Falten nach unten gebogen werden. Auf diese Weise erhält jedes Blütenblatt eine stabile Krümmung.
Um diese Form weiter zu stabilisieren, können die soeben nach unten gefalteten Klappen noch einmal zusammen gefaltet werden. Das Ergebnis sieht damit schon recht ansehnlich aus.
Es geht aber noch schöner. Auch diese Klappen werden dreidimensional ausgeformt.
Und zum Abschluss werden die Papierkanten, die oben auf den Blütenblättern zu sehen sind, noch nach innen gefaltet. Mittels weiterer Kurven-Falten erhalten somit auch die Blütenblätter etwas mehr Volumen.
Für dieses Modell ist etwas dickeres und festes Papier zu bevorzugen. Ein Richtwert für ein Quadrat mit 24 cm Kantenlänge sind 130 g / m². Das Papier soll genug Stärke enthalten, damit die innere Spannung die Wölbungen hält. Es soll jedoch auch weich genug sein, die Kanten nicht so hart aussehen zu lassen. Ein Vertreter dieser Art Papier ist das italienische Buchbinder-Papier.
Auf keinen Fall nass falten! Das zerstört die innere Spannung des Papiers. Und die wird bei diesem Modell dringend benötigt. Sollte das Papier im Mittelpunkt reißen, dann war es das falsche Papier.
Das Modell hat relativ große Flächen. Papier mit einer dezenten Struktur oder Farbgebung kann diese Flächen etwas auflockern.
Das Modell ist im Grunde sehr einfach. Es geht nur darum, in der Vogel-Grundform einige gerade Falten durch Kurven-Falten zu ersetzen. Deshalb erspare ich mir das Zeichnen von Diagrammen. Zum Zwecke der Dokumentation muss ein Faltenmuster genügen. Daneben gibt es auch noch Faltenmuster für zwei Ständer, auf denen die Blüte plaziert werden kann.